- Cyril Abiteboul blickt auf ein bemerkenswertes Jahr 2025 für Genesis Magma Racing zurück, in dem sowohl der GMR-001 Hypercar als auch das Team selbst aufgebaut wurden
- Der Teamchef, der den gesamten Prozess massgeblich geprägt hat, spricht über die besonderen Herausforderungen beim Aufbau eines völlig neuen Rennteams
- Zudem bewertet er das erfolgreiche Trajectory Program sowie die Motor- und Fahrwerksentwicklung und gibt einen Ausblick auf die ersten Tests und Ziele für 2026
Le Castellet, Frankreich, 19. Dezember 2025: Ein Jahr nach dem offiziellen Start von Genesis Magma Racing im Dezember 2024 in Dubai blickt das Team auf eine äusserst intensive Phase zurück. In den vergangenen zwölf Monaten wurde ein komplett neues Rennteam aufgebaut – mit Mitarbeitern und Fahrern aus unterschiedlichsten Bereichen des Motorsports. Parallel dazu sammelte Genesis Magma Racing im Rahmen des Trajectory Programs erste Rennerfahrungen in der European Le Mans Series und entwickelte zugleich den GMR-001 Hypercar für den Einsatz in der FIA World Endurance Championship im kommenden Jahr. Teamchef Cyril Abiteboul zieht eine Bilanz des Jahres 2025 – und richtet zugleich den Blick nach vorn.
Wie würden Sie das Jahr 2025 für Genesis Magma Racing zusammenfassen?
„Es war ein positives, arbeitsreiches und konstruktives Jahr. Wir haben nicht nur einen äusserst attraktiven Rennwagen auf die Räder gestellt, sondern gleichzeitig ein komplettes Rennteam aufgebaut und eine Teamstruktur etabliert, die für unsere Vorbereitung über den Winter von entscheidender Bedeutung ist. In all diesen Bereichen war das Jahr intensiv, produktiv – und zugleich sehr erfüllend, da wir innerhalb eines einzigen Jahres so viel Veränderung orchestrieren konnten.“
Was war die grösste Herausforderung beim Aufbau eines Teams von Grund auf?
„Der Aufbau eines neuen Teams ist vor allem eine Frage der Menschen – und das ist besonders anspruchsvoll, wenn man an einem neuen Standort ein komplett neues Projekt startet. Wir mussten die richtigen Persönlichkeiten finden, von denen viele bereits in andere Projekte eingebunden waren. Deshalb ging es darum, nicht nur zu vermitteln, was wir heute sind, sondern vor allem, was wir gemeinsam werden können. Entscheidend war, das Projekt verständlich zu erklären und Vertrauen in die Vision zu schaffen.“
„Eine weitere grosse Herausforderung lag eindeutig im Bereich des Antriebsstrangs. Wir hatten nur sehr wenig Zeit, um die spezifischen Komponenten zu entwickeln, die notwendig waren, um unseren WRC-Motor an die Anforderungen des Langstreckensports anzupassen und daraus den Genesis G8MR 3,2-Liter-Turbo-V8 zu entwickeln. Das war ein echtes Rennen gegen die Zeit. Dennoch konnten wir den Zeitplan exakt einhalten – von den ersten Kurbelwellenumdrehungen auf dem Prüfstand im Februar bis zum Erreichen unseres selbst gesetzten 8.000-Kilometer-Ziels in der vergangenen Woche.“
Wie wichtig waren das Trajectory Program und die Partnerschaft mit IDEC Sport für die Vorbereitung des Teams?
„Das Programm war für uns ein sehr wertvolles Instrument, um den Langstreckensport kennenzulernen – und umgekehrt. Die ELMS-Saison bot zudem eine ideale Plattform, um Fahrer zu evaluieren, was unsere Entscheidungen für das kommende Jahr direkt beeinflusst hat. Gleichzeitig ermöglichte sie einigen Teammitgliedern den Übergang vom Rallye- zum Rundstreckensport.“
„Auch sportlich verlief die Saison sehr positiv. Normalerweise bin ich ein grosser Verfechter klarer Zielvorgaben, doch in der ELMS hatten wir zunächst nur wenige sportliche Ambitionen. Als dann die ersten Erfolge eintraten, war das natürlich ein grossartiges Gefühl und erzeugte sowohl intern als auch extern Aufmerksamkeit – genau das war unser Ziel. Bereits nach dem ersten Rennen in Barcelona und unserem ersten Sieg erhielt ich zahlreiche Nachrichten, die fast überrascht waren über das, was wir bereits erreichen konnten. Mit IDEC Sport haben wir mit drei Siegen aus sechs Rennen stark performt. Natürlich bleibt immer ein Rest an Unzufriedenheit über das finale Meisterschaftsergebnis – aber das war nie das primäre Ziel dieser Saison.“
Wie würden Sie die bisherige Entwicklung des Fahrzeugs auf der Strecke beschreiben?
„Seit dem Shakedown folgte ein Test auf den nächsten – stets mit klaren Plänen, definierten Zielen und konkreten Massnahmen zwischen den Sessions. Es war intensiv, aber sehr strukturiert. Unser Ansatz war zugleich ambitioniert und pragmatisch: Probleme identifizieren und gezielt lösen – und genau das haben wir getan. Besonders positiv war, wie viele Aspekte von Beginn an sehr gut funktioniert haben, insbesondere das Chassis. Das Fahrverhalten und die Reaktion auf Setup-Änderungen waren von Anfang an überzeugend. ORECA hat uns eine sehr solide Basis geliefert, auf der wir Zuverlässigkeit und Performance aufbauen konnten.“
„Die Zusammenarbeit zwischen Genesis Magma Racing und ORECA war durchweg sehr konstruktiv. Zu Beginn waren wir personell noch klar in der Unterzahl, doch mit dem Wachstum unseres Teams verlagerte sich die Verantwortung schrittweise – und äusserst professionell. Das ist ein weiteres Beispiel für die starke Planung und Umsetzung im Jahr 2025, insbesondere durch das Teammanagement, Chefingenieur Justin Taylor und Teammanagerin Anouck Abadie.“
Gab es einen besonderen Höhepunkt oder einen entscheidenden Moment in der Entwicklung des Fahrzeugs?
„Davon gab es mehrere. Ein wichtiger Moment war der Test im Sommer auf dem Circuit Paul Ricard, als wir erstmals positives Feedback von André und Pipo zum grundsätzlichen Fahrverhalten des Fahrzeugs erhielten. Das war sehr wichtig, denn nichts ist schwieriger, als permanent gegen eine grundlegende Unausgewogenheit des Autos anzukämpfen. Gleichzeitig ist Entwicklung kein linearer Prozess. Wir haben Fortschritte gemacht, aber es ist ein sehr langer Weg – und wir wissen, dass wir noch weit davon entfernt sind, das volle Rundenzeitpotenzial des Gesamtpakets auszuschöpfen.“
Welche Bedeutung hat das Erreichen der 8.000-Kilometer-Marke für den Motor während des Tests in Barcelona?
„Das ist ein sehr wichtiger Meilenstein. Er zeigt, dass unser Konzept grundsätzlich richtig ist und dass es keine fundamentalen Schwächen im Motor oder in unseren Entwicklungsentscheidungen gibt. Gleichzeitig belegt er die Leistungsfähigkeit unseres Antriebsteams, unter extrem engen Zeitvorgaben zu arbeiten und auch frühe Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen.“
„Das ist natürlich motivierend, denn wir wissen nun, dass wir ein Produkt haben, das das erforderliche Leistungsniveau erreichen kann. Entscheidend wird die Qualitätskontrolle sein, um sicherzustellen, dass diese Leistung reproduzierbar ist und nicht nur ein Einzelfall bleibt. Unser Ziel ist es, die Antriebstechnologie als eine der anerkannten Stärken von Genesis Magma Racing zu etablieren.“
Wie bewerten Sie die bisherigen Ergebnisse im Vergleich zu den ursprünglichen Zielen?
„Wenn ich mir anschaue, was wir uns vorgenommen hatten, haben wir ausserordentlich gut geliefert. Dennoch wird sich unser tatsächliches Niveau erst im Vergleich mit der Konkurrenz zeigen – und das werden wir erst im kommenden Jahr wirklich beurteilen können. Der GMR-001 Hypercar verfügt zweifellos über grosses Potenzial. Unser Team ist neu, besteht aber aus Persönlichkeiten mit enormer Erfahrung in unterschiedlichsten Rennserien. Hinzu kommt ein sehr ausgewogenes Fahreraufgebot: drei Champions – André Lotterer, Pipo Derani und Mathieu Jaminet –, ein vielversprechendes Nachwuchstalent in Mathys sowie etablierte Profis wie Paul-Loup und Dani. Wir haben alles, was wir brauchen – nun liegt es an uns, das Beste daraus zu machen.“
Welche nächsten Schritte stehen für das Team und Fahrzeugentwicklung Anfang 2026 an?
„Vor dem ersten Rennen stehen weitere Testtage an. Unser Ziel ist es, so viel wie möglich zu optimieren, bevor das Fahrzeug homologiert wird, denn danach sind Änderungen nur noch eingeschränkt möglich. Deshalb wird der Jahresbeginn besonders intensiv. Ein Schwerpunkt liegt auf der Weiterentwicklung der Software, ebenso auf der Ausarbeitung aller Abläufe, die während der Saison entscheidend sein werden.“
„Unser Ziel für den Saisonstart ist klar: Wir wollen ein zuverlässiges Fahrzeug und ein eingespieltes Team – inklusive Fahrer – ohne Fehler, mit dem klaren Fokus, Rennen zu beenden. Darauf aufbauend geht es um den schrittweisen Aufbau von Wettbewerbsfähigkeit. Wie so oft geht es darum, heute die Grundlagen für nachhaltigen Erfolg in den kommenden Jahren zu legen.“